Elektronisches Händehygiene-Monitoring
Kundenerfahrungen

Elektronisches Händehygiene-Monitoring: Wo stehen wir 2026?

Digitale Spendersysteme für das Händehygiene-Monitoring gelten als vielversprechender Ansatz, um die Händehygiene im Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern. Doch wie weit ist die Entwicklung heute tatsächlich? Welche Möglichkeiten bieten moderne Systeme bereits im klinischen Alltag – und wo liegen noch Grenzen? Darüber spreche ich mit Dr. med. Andreas Glöckner.

Seit 2017 treibt Dr. Glöckner als Medical Director bei OPHARDT Hygiene die medizinisch-wissenschaftliche Ausrichtung des Unternehmens voran. Zuvor war er als Internist, Infektiologe und Intensivmediziner tätig und hat digitale Spendersysteme im klinischen Umfeld nicht nur praktisch eingesetzt, sondern auch wissenschaftlich untersucht. Ich freue mich, persönlich mit ihm in einem Interview über den Status Quo zu sprechen.

Markus Theißen: Fangen wir mal mit einem Rückblick an. Händedesinfektionsmittelspender, die ihre Daten automatisch sammeln und an eine Hygiene-Software übertragen, gibt es bereits seit Ende 2011. Wie siehst du die Entwicklung in den letzten 15 Jahren?

Dr. Andreas Glöckner

Dr. med. Andreas Glöckner: Ich kann sagen, dass die Entwicklung durchaus positiv war und ist. Als Basisdaten erfassen die smarten Spender nach wie vor die Entnahmemenge pro Händehygiene-Ereignis (HHE) versehen mit einem Zeitstempel, die Spenderlokation ist zudem in der Software hinterlegt. Viel hat sich auf der Seite der Software getan, aber auch spenderseitig ist einiges passiert. Mittlerweile steht eine Vielzahl an Tools zur Verfügung, die eine genaue Beschreibung und Dokumentation der Händehygiene-Performance nahezu in Echtzeit sichert. Zudem bestehen effiziente Interventionsmöglichkeiten zur Verbesserung der Händehygiene, durchaus auch ohne Bindung personeller Ressourcen.

Markus Theißen: Wo stehen wir aus deiner Sicht heute? Was können digitale Systeme zur Händehygiene bereits leisten?

Dr. med. Andreas Glöckner: Neben der Erfassung der Grunddaten können die modernen smarten Spender einen Flaschenwechsel erkennen und den Füllstand ermitteln, beides Voraussetzung für ein Alarmsystem bezüglich fast leerer Flaschen, also Sicherung eines rechtzeitigen Flaschenwechsels. Somit sind auch detaillierte Informationen zu Spender-Leerstandszeiten verfügbar, die selbstverständlich zu qualitätssichernden Maßnahmen herangezogen werden können. Weitere Alarme warnen vor niedriger Batterieleistung oder unterbrochener Verbindung zum Datenserver.

Direktes Feedback bei der Händedesinfektion.

Die SmartNose der Fa. Ophardt bietet spenderseitig zudem mit der Feedback-LED die Möglichkeit, das Erreichen der geforderten Desinfektionsmittelmenge pro Händedesinfektion dem Nutzer durch ein grünes Aufleuchten zu signalisieren. Dieses Feedback ohne personelles Zutun ist somit eine Autointervention, die sich sowohl in Studiensituationen als auch in der Praxis bewährt hat und zur Annäherung der Entnahmemengen an den Zielwert geführt hat. Ein weiteres nützliches Feature ist das Erstellen und Versenden von automatisierten Berichten zu allen relevanten Daten an beliebige Empfänger in frei wählbaren Zeitintervallen.

Markus Theißen: Neben den Fortschritten interessiert natürlich auch die andere Seite: Wo stoßen aktuelle Systeme noch an ihre Grenzen?

Dr. med. Andreas Glöckner: Rein aus technischen Gründen und auch den Kosten geschuldet ist eine automatische Erfassung der Indikationen zur Händehygiene und damit eine systemseitige Errechnung der Händehygiene-Compliance bisher nicht wirklich realisiert. Jedoch sind mit Bereitstellung der Belegungsdaten (Patiententage), am sinnvollsten über eine Schnittstelle, die bisher vorhandenen Daten systemseitig ausreichend, um den Grad und die Entwicklung der Händehygiene zeitnah zu beschreiben und gegebenenfalls bei relevanter Verschlechterung intervenieren zu können.

Händehygiene-Monitoring: Wissenschaftliche Daten und Blick in die Zukunft

Markus Theißen: Wie steht es um die Evidenz: Welchen konkreten Nutzen hat der Einsatz von digitalen Spendersystemen konkret?

Dr. med. Andreas Glöckner: Da müssen wir zum Urschleim zurück, es gibt klare wissenschaftliche Daten, die belegen, dass eine Verbesserung der Händehygiene mit einem Rückgang der nosokomialen Infektionen einhergeht. Die Größenordnung der Reduktion ist abhängig von der Ausgangssituation bezüglich der Händehygiene und der Größenordnung der nosokomialen Infektionen im betrachteten Umfeld. Ein smartes Händehygiene-Monitoringsystem ist heute in der Lage, mit der Erfassung, Verarbeitung und Darstellung der relevanten Daten gepaart mit verschiedenen Autointerventionen die Händehygiene relevant und nachhaltig zu verbessern und damit die nosokomialen Infektionen zu reduzieren.

Dies kommt in erster Linie den Patienten zugute, indem Liegezeiten im Krankenhaus reduziert werden und die Zahl der Sepsisfälle abnimmt. Die einfache Formel heißt, wo keine Infektion, da keine Sepsis, kein Therapieversagen der antiinfektiven Therapie und am Ende kein Versterben im septischen Schock. Nicht unerheblich ist auch der ökonomische Faktor. Längere Liegezeiten bedingt durch nosokomiale Infektionen führen in aller Regel im geltenden Entgeldsystem, dem DRG, zu finanziellen Verlusten für das Krankenhaus.

Händehygiene-Monitoring mit Kanary
Händehygiene-Monitoring mit Kanary.

Markus Theißen: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft. Werden smarte Hygienespender in Krankenhäusern aus deiner Sicht bald der neue Standard sein?

Dr. med. Andreas Glöckner: Ich gehe absolut davon aus, da man die Vorteile für Patient und Wirtschaftlichkeit nicht dauerhaft ignorieren kann. Spätestens wenn die wissenschaftliche Datenlage basierend auf kontrollierten Studien die Vorteile klar untermauert, werden die zuständigen Gremien diese Systeme empfehlen und die Nutzung einfordern.

Markus Theißen: Vielen Dank für das Interview.

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