Sepsis
Eine neue Studie zeigt, dass eine Sepsis häufiger auftritt als bisher angenommen.
Forschung und Wissenschaft

Sepsis: Der unbekannte Feind

Alle 4 Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an Sepsis. Dennoch ist diese Krankheit kaum bekannt und wird daher oft zu spät behandelt. Mit schwerwiegenden Folgen!

Eine kürzlich im Journal The Lancet veröffentlichte Studie zeigt, dass viel mehr Sepsisfälle auftreten als bisher angenommen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Dr. Kristina E. Rudd von der Universität Pittsburgh schätzt demnach, dass weltweit wahrscheinlich doppelt so viele Menschen von einer Sepsis betroffen sind als bisher angenommen. Nach ihren Ergebnissen entwickelten 2017 weltweit etwa 48,9 Millionen Menschen eine Sepsis – 11 Millionen davon führten demnach zum Tod.

Die Studie berücksichtigte globale Daten aus den Jahren 1990 bis 2017. Im Gegensatz zu früheren Arbeiten wurden in diese Studie mehr Daten aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen einbezogen. Dadurch wurden Länder und Regionen der Welt berücksichtigt, die in vorherigen Statistiken unterrepräsentiert waren aber eine erheblich höhere Anzahl an Sepsis-Fällen aufweisen. 

Zu einer wichtigen Aussage der Studie gehört zudem, dass mehr als die Hälfte aller weltweiten Sepsis-Fälle bei Kindern auftreten, vor allem Neugeborene sind betroffen.

Was ist eine Sepsis?

Eine Sepsis (Blutvergiftung) beginnt immer mit einer Infektion. Diese kann sichtbar sein, wie z.B. eine eitrige Verletzung oder unsichtbar, wie z.B. eine Lungenentzündung oder eine Harnwegsinfektion. Wenn die körpereigenen Abwehrsysteme eine Infektion und deren Folgen nicht mehr lokal begrenzen können, kommt es zu einer Abwehrreaktion des Körpers, die das eigene Gewebe und Organe schädigt.

Auch wenn der umgangssprachliche Begriff daran denken lässt: Mit einer Vergiftung im eigentlichen Sinne hat eine Blutvergiftung nichts zu tun. Durch die unspezifischen Symptome, verbunden mit einem Mangel an leistungsfähigen Diagnosemethoden, wird eine Sepsis oft erst spät erkannt und in der klinischen Dokumentation unterbewertet. (1) Deutliche Anzeichen sind schnelle, flache Atmung, niedriger Blutdruck und ein beeinträchtigtes Bewusstsein.

Eine der häufigsten Todesursachen

Eine Sepsis ist – früh erkannt – gut zu behandeln, doch verläuft oft tödlich, weil Symptome falsch gedeutet werden. Die aktuelle Studie zeigt, dass alleine in Deutschland pro Jahr rund 60.000 Patienten an einer Sepsis sterben. Anders ausgedrückt sind das 162 Menschen am Tag.

Die Sepsis zählt so zu den häufigsten Todesursachen und tritt sogar häufiger auf als Schlaganfall, Brust- oder Darmkrebs. Trotz der Fortschritte der heutigen Medizin, besonders in den Bereichen der Impfungen, Antibiotika und Akutversorgung, steigt die Anzahl der Neuerkrankungen jedes Jahr. Daher muss der „heimlich Killer“ – so wie die Sepsis auch genannt wird – als große Herausforderung für die Medizin angesehen werden.

Schnelle Diagnose kann Leben retten

Je schneller die Ärzte eine Antibiotika-Therapie einleiten, desto größer ist die Überlebenschance des Patienten. Bisher ist der Nachweis der Erreger in einer mikrobiologischen Blutkultur sehr zeitaufwändig und es vergehen oft 1-2 Tage, bevor die richtige Therapie begonnen werden kann. Allerdings sind bereits die ersten 60 Minuten nach der Immunreaktion bedeutend, um eine Chance auf eine erfolgreiche Therapie zu haben.

Mohsen Naghavi von der der University of Washington und Autor der Studie sagt, es sei “alarmierend”, dass die Zahl der Todesfälle durch Sepsis sehr viel höher sei als bislang angenommen. “Zumal die Krankheit sowohl vermeidbar als auch behandelbar ist.” Antibiotika und eine gute Wundversorgung zählen zu den wirksamsten Mitteln im Kampf gegen die Krankheit. Impfungen und die Versorgung mit sauberem Trinkwasser gelten ebenfalls als wirksame Vorbeugemaßnahmen gegen Sepsis.(5)

Prävention statt Therapie

Besonders wichtig sind zudem aber auch wirkungsvolle präventive Maßnahmen. Denn was ist wirkungsvoller gegen eine Krankheit, als sie zu vermeiden?

Hier ist an erster Stelle eine sorgfältige Händehygiene zu nennen. Denn in etwa 80% aller Fälle, werden Infektionen über diese übertragen. Mit jeder vermiedenen Infektion sinkt auch das Risiko, dass sich daraus eine lebensbedrohliche Sepsis entwickelt.

Gerade in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern gehören septische Ereignisse fast schon zum Alltag. Besonders Intensivstationen sind die Bereiche mit den höchsten Fallzahlen. Eine stetig steigende Arbeitsbelastung durch immer weniger Pflegepersonal, erschwert das Einhalten der so hilfreichen Händedesinfektion. Händehygiene Compliance-Werte unter fünfzig Prozent sind keine Seltenheit.  Zudem lassen sich einige Faktoren identifizieren, die neben dem Zeitdruck unter dem das Pflegepersonal heutzutage steht, einen negativen Einfluss auf das Händehygieneverhalten haben. Zum Beispiel: fehlende oder schlecht platzierte Desinfektionsmittelspender, die nicht auf den Workflow des Krankenhauspersonals ausgerichtet sind. Die Unwissenheit über die Vorteile einer guten Händehygiene und Fehlwissen über die Wirkung und Durchführung einer korrekten Händehygiene, sind hier ebenfalls als Beispiel zu nennen. Gerade an diesen Stellschrauben lässt sich mit kleinen aber entscheidenden Spenderdetails viel erreichen.

Quelle:

Rudd, Kristina E., et al. “Global, regional, and national sepsis incidence and mortality, 1990–2017: analysis for the Global Burden of Disease Study.” The Lancet 395.10219 (2020): 200-211.

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