US-Gesundheitssystem-nosokomiale-infektionen
Die hygienische Händedesinfektion ist ein Schlüsselelement zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen.
Forschung und Wissenschaft

Wie COVID-19 auf ein bereits überlastetes US-Gesundheitssystem traf

Die Zahl der nosokomialen Infektionen stieg während der Corona-Pandemie sprunghaft an und setzte dem US-Gesundheitssystem mächtig zu.

Wenn sich der sogenannte Schmetterlingseffekt auf die weitreichenden Auswirkungen einer kleinen Tat bezieht, wie nennt man dann die Folgen eines katastrophalen Ereignisses wie der Corona-Pandemie? Eine ganze Reihe von Studien zeigt nun die erheblichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf. Dabei im Fokus: Das US-Gesundheitssystem.

„Die bedauerliche Realität ist, dass wir in nur einem Jahr fast ein Jahrzehnt des Fortschritts bei der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen […] verloren haben.“

Ann Marie Pettis, Präsidentin der Association for Professionals in Infection Control and Epidemiology (APIC)

Die Hoffnungen, dass der konsequente Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung (PSA), die Isolierung von infektiösen Patienten und das erhöhte Bewusstsein für die Infektionsprävention zu einem Rückgang von Krankenhausinfektionen während der Pandemie führten, wurden durch zwei kürzlich veröffentlichte große Studien zunichte gemacht. Die erste Studie veröffentlichte die wissenschaftliche Fachzeitschrift Clinical Infectious Diseases (CID), wohingegen die zweite Arbeit in dem bekannten Infection Control & Hospital Epidemiology Journal publiziert wurde. Beide Publikationen stützen sich auf die Datenbank des US-amerikanischen National Healthcare Safety Network (NHSN), das alle gemeldeten nosokomialen Infektionen verwaltet. Zusätzlich führte die Studie aus dem CID-Jorunal im Jahr 2020 eine Befragung unter 148 Krankenhäusern durch. Auch wenn so die Datensätze der beiden vorgestellten wissenschaftlichen Arbeiten nicht vollkommen identisch sind, kommen sie zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

US-Gesundheitssystem war bei Infektionsprävention auf einem guten Weg

Besonders enttäuschend sind die Experten darüber, dass COVID-19 die stetigen Verbesserungen in der Reduktion von nosokomialen Infektionen der letzten Jahre innerhalb kürzester Zeit ruiniert hat. In den USA gab es von 2015 bis 2019 „konsequente, signifikante Rückgänge“ der Infektionsraten bei einer Reihe von Infektionen [1]. Dieser Trend setzte sich bis ins ersten Quartal 2020 fort. Bedeutet: Noch kurz bevor SARS-CoV-2 die USA erreichte, wurden Fortschritte bei der Vermeidung von nosokomialen Infektionen erzielt.

US-Gesundheitssystem und Krankenhaus

„Wir haben fast ein Jahrzehnt des Fortschritts verloren“

Als Reaktion auf die Entwicklung der Krankenhausinfektionen seit Pandemiebeginn schreibt die Präsidentin der Association for Professionals in Infection Control and Epidemiology (APIC), Ann Marie Pettis: „Die bedauerliche Realität ist, dass wir in nur einem Jahr fast ein Jahrzehnt des Fortschritts bei der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen wie Infektionen der Blutbahn (CLABSI), katheterassoziierten Harnwegsinfektionen (CAUTI), Infektionen durch Methicillin-resistenten Staphylococcus (MRSA) und beatmungsassoziierten Infektionen (VAE) verloren haben“[2].

Der Anstieg der COVID-19-Infektionen ging auch mit geringeren Meldungen von Infektionen einher. Während die Zahl der Krankenhäuser, die pro Quartal Daten an das NHSN meldeten, im Jahr 2019 weitestgehend konstant blieb, sank die Zahl der Einrichtungen, die im Jahr 2020 Infektionsraten meldeten. Besonders ausgeprägt war dieser Rückgang bei den Daten zu beatmungsassoziierten Infektionen und chirurgischen Wundinfektionen mit einem Rückgang von 22-36 %.  Baker et al. kommen zu dem Schluss, dass „die Einrichtungen durch die erhöhte Arbeitsbelastung möglicherweise mit den Meldungen nicht hinterhergekommen sind“ [3].

COVID-19 mit Krankenhausinfektionen im Gleichschritt

Zusammenhang zwischen COVID-19 und Krankenhausinfektionen.

Die beiden Studien stellen die Theorie auf, dass der Anstieg der COVID-19-Fälle nicht nur die Meldekapazität der Krankenhäuser verringert hat. Auch „könnte es sich negativ ausgewirkt haben, dass die üblichen Maßnahmen zur Überwachung und Prävention von Krankenhausinfektionen auf das Corona-Geschehen umgelenkt wurden“.

Baker et al. untersuchten dazu den Zusammenhang zwischen Krankenhausinfektionen und COVID-19-Entlassungen für jeden Monat im Jahr 2020.

Menschen und System haben gelitten

Die Zunahme der Krankenhausinfektionen und der beschriebene Melderückgang verdeutlichen die Überlastung des Gesundheitssystems. Dies zeigt sich auch an den negativen Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit des Gesundheitspersonals [4]. 

Unser medizinischer Direktor, Dr. Andreas Glöckner, sprach dieses Problem bereits zu Beginn der Pandemie gezielt an: „Die Reduzierung der Arbeitsbelastung des Pflegepersonals spielt eine wichtige Rolle, um die Versorgungsqualität zu verbessern”. Dies ist in den meisten Ländern der Welt der Fall, auch in Deutschland.

Ann Marie Pettis von der APIC „stößt ins gleiche Horn“ und spricht die Notwendigkeit einer Arbeitsentlastung im Gesundheitswesen an: „Das Gesundheitspersonal ist mit angemessenen Ressourcen zu unterstützen, um anstehenden Gefahren in der öffentlichen Gesundheit besser zu begegnen.“

Clostridium difficile als Lichtblick

Bei allen untersuchten Infektionen gab es eine Ausnahme, die nicht in den Trend passt: Clostridium difficile-Infektionen (CDI). Die CDI-Raten blieben im Jahr 2020 stabil oder gingen sogar zurück. Die Theorie besagt, dass die Zunahme der „Barrieremaßnahmen und die verstärkte Schulung zum An- und Ablegen der PSA zur COVID-19-Prävention zu einer Verringerung der Übertragung von Clostridium difficile geführt haben könnte.“

Die CDI-Raten sind ein Ausreißer, können uns aber Hoffnung geben, wie die Infektionsprävention verbessert werden kann, wenn die Pandemie abklingt und endet. Die Studien kommen zu dem Schluss, dass die Kapazitäten für die Prävention von nosokomialen Infektionen erhöht werden müssen. Baker et al. schließen ihre Studie mit folgenden Worten ab: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Kapazitäten für die Infektionsprävention ausgebaut werden müssen. Während sich die Krankenhäuser auf die nächsten Phasen der Pandemie und die Erholung vorbereiten, deutet diese Studie auf die Notwendigkeit hin, sich zukünftig stark auf die Infektionsprävention zu konzentrieren.“


Quellen:

[1] Wu, Hsiu, et al. “Hospital Capacities and Shortages of Healthcare Resources among US Hospitals during the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Pandemic, National Healthcare Safety Network (NHSN), March 27–July 14, 2020.” Infection Control & Hospital Epidemiology, 24 June 2021

[2] “Statement from APIC President, Ann Marie Pettis, BSN, RN, CIC, FAPIC, about HAI Increases.” APIC. Verfügbar unter: apic.org/news/statement-from-apic-president-ann-marie-pettis-bsn-rn-cic-fapic-about-hai-increases/.

[3] Baker, Meghan A, et al. “The Impact of COVID-19 on Healthcare-Associated Infections.” Clinical Infectious Diseases, 9 Aug. 2021, 10.1093/cid/ciab688.

[4] Kachadourian, Lorig K., et al. “Transdiagnostic Psychiatric Symptoms, Burnout, and Functioning in Frontline Health Care Workers Responding to the COVID-19 Pandemic.” The Journal of Clinical Psychiatry, vol. 82, no. 3, 27 Apr. 2021, 10.4088/jcp.20m13766. Zugriff 28 Mai 2021.

Add Comment

Click here to post a comment