Interview OPHARDT hygiene UMC Amsterdam
Wissenschaftlerin Martine Caris von der Uniklinik Amsterdam erklärt den Effekt von Nudges auf die Händehygiene.
Forschung und Wissenschaft Im Gespräch

Nudging verbessert die Händehygiene im Krankenhaus

Wissenschaftler an der Universitätsklinik Amsterdam untersuchen verhaltenspsychologischen Ansatz zur Compliance-Verbesserung. Mittendrin: das OPHARDT Hygiene Monitoring System.

Sie sind eine unerwünschte und nicht seltene Begleiterscheinung während eines Krankenhausaufenthaltes: Nosokomiale Infektionen. In den aller meisten Fällen werden die infektions-verantwortlichen Krankheitserreger durch die Hände des medizinischen Personals auf den Patienten übertragen, wo die Keime leichtes Spiel haben sich rasch zu vermehren. Der effektivste und wirtschaftlichste Weg gefährliche Krankenhausinfektionen zu vermeiden, ist eine sorgfältige Händehygiene. Laut Expertenschätzungen kann diese Maßnahme bis zu 30 Prozent aller Infektionsfälle reduzieren. Soweit die Theorie. In der praktischen Umsetzung zeigen sich jedoch große Lücken in der quantitativen und qualitativen Durchführung der hygienischen Händedesinfektion. So liegt die Compliance in medizinischen Einrichtungen bei nicht einmal 50 Prozent. [1]

Grund genug für Wissenschaft und Forschung, sich intensiv mit den Gründen für die unterlassenen Händedesinfektionen auseinanderzusetzen und darauf basierend geeignete Interventionen zu definieren. Neben den personellen und infrastrukturellen Faktoren, rückt der verhaltenspsychologische Ansatz immer häufiger in den Fokus und gilt als wichtige Stellschraube für ein verbessertes Händehygieneverhalten.

In die richtige Richtung „stupsen“

Auf Ebene der Verhaltenspsychologie existieren zahlreiche Möglichkeiten, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Dazu zählen Konzepte der Belohnung oder Bestrafung, die jeweils bereits Untersuchungsgegenstand im Rahmen der Händehygiene waren und auch immer noch sind. Ein jedoch bisher weitestgehend wenig erforschter Ansatz liegt in dem sogenannten Nudging. Das Konzept dahinter: Das Verhalten der Menschen dadurch zu ändern, ohne sie dazu zu zwingen, sondern sie auf sanfter Weise von der gewünschten Einstellung zu überzeugen. Untersuchungsergebnisse für den Erfolg dieses Ansatzes liegen bereits aus anderen Bereichen außerhalb des Gesundheitswesens vor. Beispielsweise im Rahmen der Raucherentwöhnung und um gesunde Ernährungsweise zu fördern. [2,3]

„Wir haben einige kognitive Risikofaktoren untersucht, die sich negativ auf die Händehygiene auswirken und daraufhin einen Ansatz entwickelt, um diese mithilfe von Nudges zu eliminieren.“

Martine Caris, Assistenzärztin für Innere Medizin, klinische Epidemiologin in Ausbildung an der Universitätsklinik Amsterdam

Welchen Effekt das Nudging speziell auf das Händehygieneverhalten hat, untersuchte ein Forscherteam um Martine Caris an der Universitätsklinik Amsterdam. Die mehrwöchige Studie wurde auf zwei Normalstationen (Station A und Station B) der Klinik durchgeführt, die sich hinsichtlich Patientenklientel, Bettenausstattung und Schwerpunkt grundsätzlich ähneln. Basierend auf einem verteilten Fragebogen an das Krankenhauspersonal und die Studenten entwickelten die Wissenschaftler zwei finale Poster-Designs, die jeweils aus einer hygienerelevanten Grafik und einem griffigen Slogan bestanden.

Interview mit Martine Caris und Mireille Dekker über das Nudging-Konzept zur Verbesserung der Händehygiene an der Uniklinik Amsterdam

Um den Einfluss der als Nudges eingesetzten Poster auf das Händedesinfektionsverhalten objektiv und ohne Bias zu messen, registrierten pro Station je drei Wi-Fi-fähige Desinfektionsmittelspender der Serie ingo-man® plus Weco jedes einzelne Hygiene-Event. Neben den Eingangsbereichen der beiden Krankenhausstationen, wurden die Nudges nach einer zweiwöchigen Baseline-Phase in jeweils zwei Mehrbett-Patientenzimmer angebracht – in unmittelbarer Nähe zu den intelligenten manuellen Händedesinfektionsmittelspendern im Euroflaschen-Format. Zur Identifizierung welches Poster sich stärker auf die Händehygiene auswirkt, wurden diese getrennt und jeweils zwei Wochen in den entsprechenden Bereichen platziert.

Nudges zeigen Wirkung 

Nach der insgesamt sechs-wöchigen Studie werteten die Wissenschaftler die erfassten Spenderdaten über das OPHARDT Hygiene Monitoring System aus und stellten konkret die Spenderaktivierungen gegeneinander über. Als weitere Kenngröße flossen die Patiententage in die Berechnung mit ein, um die erhobenen Ergebnisse vergleichbarer zu machen.

Nun: was sagt die Studie aus? Beide Poster wirkten sich positiv auf die Nutzungsfrequenz der Eurospender auf Station B aus und verbesserten dort signifikant das Händedesinfektionsverhalten von Krankenhauspersonal, Patienten und Besucher. Darüber hinaus führte das  „Anstupsen“ zu einem Anstieg der Desinfektionen während der Arztvisiten auf beiden Stationen.

„Der Einsatz von Nudges bietet einen entscheidenden Vorteil: sie können einfach und mit relativ wenig Aufwand in den klinischen Alltag integriert werden.“

Mireille Dekker, Mitarbeiterin in der Krankenhaushygiene und Mikrobiologie an der Universitätsklinik Amsterdam

Summa summarum

Die Resultate zeigen, dass die „sanften Anstupser“ als wirtschaftliche und wenig aufwendige Maßnahme ein wertvolles Puzzlestück im Rahmen eines umfassenden Maßnahmenbündels zum Infektionsschutz darstellen können. Vorstellbar sind wechselnde Nudges, um einem Gewöhnungseffekt bei Ärzten und Pflegepersonal vorzubeugen. Auch die Einbeziehung des Krankenhauspersonals in die Gestaltung der Slogans und Designs kann alleine schon das Bewusstsein für die Händedesinfektion steigern und sich somit positiv auf die Hygiene-Compliance auswirken.

Intelligente Desinfektionsmittelspender – wie der ingo-man® plus Weco – dienen in diesem Zusammenhang als geeignetes Instrument, um unmittelbare Auswirkungen auf das Desinfektionsverhalten zu erkennen und den Erfolg messbar zu machen.     

Das Forscherteam aus Amsterdam will sich zukünftig weiteren Studien widmen, die sich mit dem Nudging-Konzept beschäftigen – immer mit der Infektionsprävention im Fokus. 

Die ausführlichen Ergebnisse der Nudging-Studie wurden im Journal of Hospital Infection publiziert.

In einem weiteren Interview erfahren Sie mehr über die Vorteile von elektronischen Monitoring-Systemen zur Händehygiene.

Quellen:

[1] Erasmus V, Daha TJ, Brug H, et al. Systematic review of studies on compliance with hand hygiene guidelines in hospital care. Infect Control Hosp Epidemiol 2010;31:283–294

[2] Sunstein CR. Nudging smokers. N Engl J Med 2015; 372: 2150-1.

[3] Bucher T, Collins C, Rollo ME, McCaffrey TA, De Vlieger N, Van der Bend D, et al. Nudging consumers towards healthier choices: a systematic review of positional influences on food choice. Br J Nutr 2016; 115: 2252-63.

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