Prof. Axel Kramer im Interview.
Im Gespräch mit Prof. Dr. Axel Kramer.
Im Gespräch

Händehygiene und Spendersysteme im Fokus: Interview mit Prof. Dr. Axel Kramer

Die hygienische Händedesinfektion gilt in Krankenhäusern und Kliniken als wichtigste „Waffe“, um nosokomiale Infektionen zu vermeiden. Und auch im öffentlichen Bereich nimmt das Bewusstsein für eine  sorgfältige Handhygiene zu – aktuell durch das neuartige Coronavirus (Covid-19) befeuert. Wir haben mit Prof. Dr. Axel Kramer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Greifswald gesprochen, um über die gegenwärtige Covid-19-Entwicklung und die Händehygiene als Präventionsmaßnahme zu sprechen, auch mit Augenmerk auf die eingesetzten Seifen- und Desinfektionsmittelspender.

Markus Theißen: Herr Professor Kramer, regelmäßig sind wir mit Pandemien konfrontiert: War es in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts noch die Schweinegrippe, ist es heute das Coronavirus (Covid-19). Hinzu kommt die wachsende Resistenzentwicklung bei bakteriellen Krankheitserregern. Wie sehen Sie persönlich die Lage in Sachen Infektionskrankheiten – und welchen Stellenwert kommt der Händehygiene als präventive Maßnahme zu?

Prof. Dr. Axel Kramer: Die klassischen Infektionskrankheiten sind mit Ausnahme der Virusgrippe unter Kontrolle. So hat die außergewöhnlich starke Grippewelle 2017/18 nach Schätzungen allein  in Deutschland rund 25.100 Menschen das Leben gekostet.  Während der SARS Epidemie von November 2002 bis Juli 2003 erkrankten mit mehr als 8.000 Personen in rund 30 Ländern auf 6 Kontinenten deutlich weniger als jährlich an der Virusgrippe. Die Letalität betrug allerdings fast 10%. Seit 2004 sind weltweit keine weiteren SARS Fälle berichtet worden. An Covid-19 sind seit Dezember 2019 weltweit  fast 96.000 Erkrankungen gemeldet. Davon sind fast 3.330 Menschen verstorben (Hinweis Redaktion – Stand 30.03.2020, WHO: 697.244 Infektionen und 33.257 Todesfälle). Durch die Fähigkeit sowohl der Grippe- als auch der Coronaviren zur Mutation kann z.B. ein bei Tieren (Fledermaus) vorkommendes zunächst für  den Menschen harmloses Virus nach wiederholtem Wirtswechsel seine Kontagiosität, Virulenz und Pathogenität verändern und Ausgangspunkt einer epidemischen Ausbreitung werden. Das Risiko ist besonders hoch, wenn auf asiatischen lokalen Märkten lebendes Geflügel auf engstem Raum mit idealen Übertragungsmöglichkeiten auf den Menschen angeboten wird. Daher sind Explosivepidemien auch in der Zukunft immer wieder möglich, sofern das Virus inhalativ, aerogen und durch Kontakt übertragen wird. Im Unterschied dazu geht die Zahl der HIV-Neuinfektionen seit 2015  in Deutschland kontinuierlich zurück, weil die Übertragung nur parenteral und sexuell möglich ist.

Die infektiologische Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist jedoch die pandemische Ausbreitung der multiresistenten Bakterien, die sich nicht epidemieartig, sondern allmählich, aber kontinuierlich ausbreiten. Der Hauptgrund für die schwer beherrschbare Ausbreitung sind das zunehmende Resistenzspektrum der Bakterien bis zur Panresistenz und die damit verbundenen therapeutischen Konsequenzen. MRSA macht insofern eine Ausnahme, als er durch antiseptische Dekolonisation zurückgedrängt werden kann, weshalb ein Rückgang zu beobachten ist. Begünstigend für die Ausbreitung multiresistenter Bakterien sind die Zunahme der Pflegebedürftigkeit der immer älter werdenden Bevölkerung, die Einführung neuer chirurgischer Verfahren mit zunächst unbekannten Infektionsrisiken, der wachsende Anteil immunsupprimierter bzw. immungeschwächter Patienten, der internationale Transfer und das weniger beanspruchte Immunsystem mit der damit verbundenen erhöhten Infektionsanfälligkeit [1] .

Die Händehygiene ist für die Prävention nosokomialer Infektionen die Maßnahme mit der höchsten Effektivität. Immer dann, wenn sich Magen-Darm-Infektionen und respiratorische Infektionen in der Bevölkerung epidemisch ausbreiten, lässt sich die Wirksamkeit selbst der ungezielten Desinfektion auch am Arbeitsplatz nachweisen [2]. Auch in Kindergärten konnte durch Händedesinfektion die Häufigkeit  von Magen-Darm-Infektionen und respiratorische Infektionen reduziert werden [3,4]. Zusätzlich empfehlen sich die Händedesinfektion, ggf. als etwas weniger wirksame Alternative gründliches Händewaschens, vor jeder Esseneinnahme und bei epidemischer Situation auch vor dem Betreten der Wohnung. Ebenso sollten Hand-Augen-Kontakte, die vor allem bei Brillenträgern häufig stattfinden, in Epidemiezeiten vermieden werden [5].

Markus Theißen: Wie steht’s eigentlich um die Händehygiene, speziell, wenn wir auf Krankenhäuser und Kliniken schauen?

Prof. Dr. Axel Kramer: Die Compliance hat sich vor allem durch die Aktion „Saubere Hände“ deutlich verbessert. Bei den im Rahmen der nationalen Händedesinfektionskampagne 2014 in 109 Krankenhäusern erhobenen Daten zur Compliance wurde deutlich, dass die Compliance auf durchschnittlich 73 % deutlich angestiegen ist, allerdings ist noch Luft nach oben [6]. Bedeutungsvoll sind in diesem Zusammenhang neue Ergebnisse, wonach anstatt der 30 s Einreibetechnik schon in 15 s die identische Wirksamkeit der Händedesinfektion erreichbar ist. Dadurch wird zugleich die Compliance signifikant verbessert – offenbar ein psychologischer Effekt [7-10].

Markus Theißen: Eine gute Händehygiene setzt bekanntermaßen eine gute Infrastruktur in Form ausreichend vorhandener Desinfektionsmittelspender voraus. Die Verfügbarkeit ist das eine, aber was muss ein Hygienespender aus Ihrer Sicht noch mitbringen, um die Compliance zu verbessern?

Prof. Dr. Axel Kramer:

  • Bestückung mit nicht wieder befüllbarem Gebinde (Einmalcontainer), idealerweise ein luftdicht verschlossener Beutel aus biologisch abbaubarem oder recycelbaren Material anstatt des starren Einmalgebindes, der das Desinfektionsmittel  mittels Unterdruck freigibt (damit kann auf die Pumpe und deren Aufbereitung verzichtet werden); eine andere Variante allerdings weniger umweltfreundliche Variante ist die feste Verbindung der Pumpe mit dem Beutel, so dass beide entsorgt werden (damit können klassische Spender weiter verwendet werden)
  • Möglichkeit der Verwendung von Gebinden unterschiedlicher Hersteller
  • Erkennung des Füllstands im laufenden Betrieb
  • Bevorzugung automatisch bedienbarer Spendersysteme wegen geringerer Kontaminations-und Übertragungswahrscheinlichkeit und aufgrund des höheren Bedienkomforts positiven Einflusses auf die Compliance der Nutzung [11].

Markus Theißen: In der KRINKO-Empfehlung zur Händehygiene aus 2016, an der Sie federführend mitgearbeitet haben, wird für ein offenes Spenderformat plädiert. Wo liegen aus Ihrer Sicht die wesentlichen Vorteile eines herstellerunabhängigen Desinfektionsmittel- respektive Seifenspenders?

Prof. Dr. Axel Kramer: Aus folgenden Gründen muss es die Möglichkeit geben, das Produkt wechseln zu können:

  • Individuell ist die Akzeptanz gegenüber verschiedenen Desinfektionsmitteln unterschiedlich. Das kann sich auch im Verlauf der Anwendung noch ändern und einen Wechsel des Mittels  erforderlich machen. Dann bleibt keine Zeit, das gesamte Spendersystem zu wechseln.
  • Es kann eine neue Rezeptur entwickelt werden, die zunächst individuell erprobt werden  soll, um sie dann ggf. einzuführen.
  • Schließlich können auch ökonomische Gesichtspunkte Gründe für einen Wechsel sein; dann ist es von Vorteil, dass nur die Gebinde/Hersteller ausgetauscht werden müssen und nicht die Spender.

Markus Theißen: Zum Abschluss möchten wir von Ihnen noch wissen: Wie sieht die Zukunft der Händehygiene aus, speziell im Hinblick auf das elektronische Monitoring?

Prof. Dr. Axel Kramer: Die direkte Beobachtung des Personals durch geschulte Beobachter gilt als „Goldstandard“ zur Überwachung der Einhaltung der Händehygienemaßnahmen. Da das sehr personalintensiv ist, wurden elektronische Systeme entwickelt, die das Händehygiene-Monitoring übernehmen. Diese Systeme zählen derzeit überwiegend nur die Anzahl der durchgeführten Händedesinfektionen und erfassen teilweise auch qualitative Aspekte der Händehygiene, wie zum Beispiel die erforderliche Entnahmemenge für eine hygienische Händedesinfektion.

Die Zukunft besteht darin, dass elektronische Systeme entwickelt werden, die in der Lage sind, die 5 Momente der Händedesinfektion der WHO zu erkennen, also vor Patientenkontakt, vor aseptischer Tätigkeit, nach Kontakt mit potentiell infektiösem Material, nach Patientenkontakt und nach Kontakt mit der der unmittelbaren Patientenumgebung und die bei Unterlassen unmittelbar an die Notwendigkeit  der Händedesinfektion erinnern oder ein direktes, vollautomatisches Feedback geben [12]. Nur mittels eines derartigen Feedbacks kann Einfluss auf die Compliance genommen werden. Dabei muss selbstverständlich der Schutz der Persönlichkeit gewahrt bleiben.

Die erwartete Wirksamkeit ist vergleichbar dem Ampelsystem im Straßenverkehr. Springt die Ampel nach der Händedesinfektion von rot auf grün oder wird ein akustisches Signal gegeben, kann der Patient versorgt werden.

Markus Theißen: Herr Prof. Dr. Axel Kramer, herzlichen Dank für das angenehme und interessante Gespräch.


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In einem Interview mit Dr. Béatrice Grabein von dem LMU Klinikum München erfahren wir weitere Vorteile des Eurospenders.

Quellenangaben:

  1. Bekeschus S, , Schleibinger H, Razavi B, Maintaining health by balancing microbial exposure and prevention of infection: the hygiene hypothesis versus the hypothesis of early immune challenge. 2013;83 Suppl 1:S29-34.
  2. Hübner NO, Hübner C, Wodny M, Kampf G, Kramer A. Effectiveness of alcohol-based hand disinfectants in a public administration: impact on health and work performance related to acute respiratory symptoms and diarrhoea. BMC Infect Dis 2010, 10: 250.
  3. Sandora TJ, Taveras EM, Shih MC, Resnick EA, Lee GM, Ross-Degnan D, Goldmann DA. A randomized, controlled trial of a multifaceted intervention including alcohol-based hand sanitizer and hand-hygiene education to reduce illness transmission in the home. pediatrics 2005, 116(9):587-94.
  4. Lee GM, Salomon JA, Friedman JF, Hibberd PL, Ross-Degnan D, Zasloff E, Bediako S,  Goldmann DA. Illness transmission in the home: a possible role for alcohol-based hand gels. Pediatrics 2005, 115(4):852-60.
  5. Kramer A. Was schützt? Angst vor Coronavirus-Infektionen rückt Hygienemaßnahmen in den Fokus. Dt   Apoth Z  2020; 160(7): 20-4.
  6. Wetzker W, Bunte-Schönberger K, Walter J, Pilarski G, Gastmeier P, Reichardt C.Compliance with hand hygiene: reference data from the national hand hygiene campaign in Germany. J Hosp Infect 2016; 92: 328–31.
  7. Pires D, Soule H, Bellissimo-Rodrigues F, Gayet-Ageron A, Pittet D. Hand hygiene with alcohol-based hand rub: how long is long enough? Infect Control Hosp Epidemiol 2017;38(5):547-52.
  8. Kramer A, Pittet D, Klasinc R, Krebs S, Koburger T, Fusch C, Assadian O. Shortening the application time of alcohol-based hand rubs to 15 s may improve frequency of hand antisepsis. Inf Contr Hosp Epidemiol  2017; 30:1-5.
  9. Paula H, Krebs U, Becker R, Assadian O, Heidecke CD, Kramer A. Wettability of hands during 15s and 30s contact intervals: a prospective, randomized cross-over study. Inf Contr Hosp Epidemiol 2018; 46(9):1032-5.
  10. Harnoss JC, Dancer SJ, Kaden CF, Baguhl R, Kohlmann T, Papke R, Zygmunt M, Assadian O, Suchomel M, Pittet D, Kramer A. Hand antisepsis without decreasing efficacy by shortening the rub-in time of alcohol-based handrubs to 15 seconds. J Hosp Inf 2019.
  11. Kramer A. Requirements for hygienically safe, environmentally friendly dispensers for hand disinfectants and hand washing preparations. GMS Hyg Infect Control. 2020;15:Doc02.
  12. Meng, M., Sorber, M., Herzog, A., Igel, C., & Kugler, C. Technological innovations in infection control: A rapid review of the acceptance of behavior monitoring systems and their contribution to the improvement of hand hygiene. Am J Infect Contr 2019; 47(4): 439–47.

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